
Stellen Sie sich das mal vor:
Ich hätte meinen Friseur gefragt, wie viel er zahlt, wenn ich mir bei ihm die Haare schneiden lasse. “Hast du ne Meise?”, hätte er wohl gesagt.
Dann würde ich beim Bäcker fragen, wie viel ich dafür bekomme, wenn ich ein Graubrot nehme. “Hast du was getrunken?”, würde er sicher fragen.
Ich möchte unseren Vermieter anrufen und fragen, ob ich nächsten Monat umsonst wohnen darf, aber mein Mann sagt, das sei absurd und ich solle das lassen.
Absurd? Ich werde auch immer wieder gefragt, ob ich umsonst arbeite und auf eigene Kosten anreise, das findet offenbar niemand absurd. Zum Beispiel diese Anfrage aus einer ca 600 Kilometer entfernten Stadt.
“Wir stellen uns eine etwa einstündige Lesung vor, mit anschließender Diskussion”, sagt der nette Veranstalter. Abends, ab 20:00 Uhr solle alles stattfinden, danach könne ich meine Bücher verkaufen, sodass ich auch was verdiene.
Nein, Spesen könne man nicht zahlen. Nein, ein Honorar auch nicht. Aber ich würde schließlich berühmt, wenn die Leute mich bei den Lesungen kennenlernen.
Achso!!! Berühmt.
Die Fahrt von Köln zu diesem Ort würde 7 Stunden und 21 Minuten dauern. Um rechtzeitig dort zu sein und Zugverspätungen beim dreimaligen Umsteigen einzuplanen, müsste ich um zehn Uhr morgens los. Mein Bücher-Koffer ist schwer. Nach der Reise müsste ich mich irgendwo auf’m Klo frischmachen, ich müsste irgendwas auf die Hand essen, dann würde ich auftreten.
Die Lesung finge, wie fast immer, ein bisschen später an, gegen halb neun, um halb zehn wäre ich fertig, wie geplant, mit allem drum und dran wäre es dann doch 23:00 Uhr.
Nehmen wir an, ich hätte nun 30 Bücher verkauft. Die hätte ich zuvor beim Verlag eingekauft. Nehmen wir an, ich würde an jedem Buch 4 Euro “Gewinn” machen. Dann wären das an diesem Abend 120 Euro. Davon gingen Steuern, Krankenversicherung, Telefon- und Internetkosten, Miete, Strom und Heizung fürs Arbeitszimmer und Kosten für Arbeitsmaterialien runter. Blieben netto ca 50 Euro.
Der Bahnhof im Ort ist ab 23:00 Uhr geschlossen. Es fährt kein Zug mehr. Ich müsste also übernachten. Der billigste Gasthof im Ort kostet 50 Euro die Nacht. Für die Fahrkarte hätte ich 199 Euro bezahlt. Ich hätte 250 Euro Kosten und ca 50 Euro eingenommen. Wenn ich am nächsten Tag gegen 17:00 wieder zuhause ankäme, wäre ich 31 Stunden unterwegs gewesen.
Und dafür hätte ich 200 Euro bezahlt. Absurd, oder?
Sag ich ja.
Wenn ich meinem Finanzamt, dem Bäcker, dem Vermieter und dem Friseur erzähle: “Wie? Ich soll für eure Arbeit was bezahlen? Ich bin doch berühmt?”, dann lachen die sich kaputt.
Zu Recht.
Ehrlich: Wenn ich genauso viele Anfragen für seriöse Lesungen bekäme wie für “kostenlose” – dann könnte ich mir “umsonst arbeiten” endlich leisten.
Wenn ich genauso viele Anfragen für seriöse Lesungen bekäme wie für “kostenlose” – dann könnte ich mir “umsonst… http://t.co/YtJlpLja
Webgemeinde: “Gib uns Deine Bücher für umme, Geld verdienen kannste ja mit Lesungen.”
Lesungsveranstalter: “Lies… http://t.co/tR5Squc1
Super. Carla Berling über Verschenkautoren: http://t.co/LIjjGRZ9 #Autoren
Oh wie treffend *Lachtränen wegwisch* danke Carla! Exakt so ein Gespräch hatte ich kürzlich auch wieder. Letztes Jahr gab’s das sogar in richtig dreist mit einer Werbeagentur. Ich habe einen Artikel darüber geschrieben: http://zaubertinte11.wordpress.com/2011/07/29/vom-wesen-der-wertschatzung/
Frohes Schaffen, und immer schön den Humor behalten beim »Berühmtwerden«;-)))
Das ist mal wieder typisch. So nach dem Motto, ich reiche den kleinen Finger und Du reist mir den Arm aus. Danke für den sehr amüsant geschriebenen Artikel!
Liebe Carla,
es ist ja auch schon so, dass das ernten teurer ist, als der Erlös.
Die riesigen Traktorten, die ernten kosten ja: Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Benzin, Personalkosten, Transport….dann kommt der Verkauf selber: die Miete für den Laden, Personalkosten, Lagerkosten… Die Welt steht doch zurzeit auf dem Kopf, oder?
Das kann doch nicht mehr funktionieren. Aber warum machen sich viele Menschen immer noch kaputt? Wozu? Wofür?
Ich sage zurück zur Natur – ganz kreativ und gesund….
Ein herzlicher Gruß von
Heilpraktikerin Sandra Wittrock
heilpraxis-wittrock.de
Deine Facebook-Freundin
[...] auf Facebook habe ich diesen witzigen Artikel von Carla Berling gefunden: „Aber Sie werden doch berühmt!“ Darin geht es um die nette Idee einiger Veranstalter, dass sie AutorInnen einladen könnten, [...]
Hallo Carla, ja, das ist exakt das, was wir jeden Tag immer und immer wieder erleben. Durchaus auch im Segment Gastronomie und Hotellerie herrscht diese Dreistigkeit vor!
Irgendwann muss man für sich die Entscheidung treffen, etwas zu kosten und und doch besser: diese Summe auch zu fordern.
Gut, man hat dann sicherlich weniger Auftritte, schläft aber ruhiger und vor allem Zuhause. Aber das ist es doch wert, oder?
Dazu empfehle ich auch ‘Literatur absurd’:
http://www.gt-worldwide.com/absurd_literatur_larf.html
Ich wünsche dir in jedem Fall viele gut honorierte Auftritte!:-))
LG,
Rena
Danke für deinen Kommentar, Rena. Du bist ja auch schon lange im “Geschäft” und kannst sicher viel dazu sagen – dein Artikel klingt richtig “sauer”
Man könnte ein Buch über drüber schreiben 
http://www.carla-berling.de/?p=1425
Hallo, Carla. Wie treffend formuliert. Glückwunsch. Manche Menschen scheinen tatsächlich zu glauben, dass Autoren nur zur eigenen Erbauung ihre Texte vorlesen, weil sie eitel genug sind und den Applaus brauchen. Immerhin sind es doch Künstler, von denen man nun einmal weiß, dass diese Gattung von Luft und Liebe existieren kann.
Sehr treffend formuliert, lieber Claus, dankeschön!
Liebe Carla,
ich finde, da sind Sie aber sehr preiswert gereist! Suchen Sie sich für solche Zwecke lieber Kurorte, dann dürfen Sie noch Kurtaxe bezahlen und laden Sie die Veranstalter zu einem Dinner ein. Leute, die einen berühmt machen, muss man sich warm halten.
Gehen Sie am nächsten Morgen noch in die örtliche Kirche und stecken dort 50 – 100 Euro in den Klingelbeutel.
Ich hätte noch ein paar Vorschläge, wie Sie arm wie eine Kirchenmaus werden können.
Gruß Heinrich
P.S. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich Sie regelmäßig besuche und Ihnen einen Euro in den Plastikbecher werfe, wenn Sie dann unter einer Rheinbrücke wohnen!
Heinrich, ich sags ja immer wieder: Sie sind der Beste
Spricht mir aus dem Herzen. Solche Angebote sind eine Dreistigkeit, und man muss sie auf jeden Fall konsequent ablehnen. – Sie gehören in die Kategorie der Nassauer, die der Meinung sind, ihnen stünde der Autor auf jeden Fall unentgeltlich zu, schon weil sie ihren Anspruch angemeldet haben. – Die einen wollen eine Lesung, die anderen ein selbstverständlich signiertes Freiexemplar. “Du hast es doch!” ist noch die mildeste Form dieses Parasitentums, und man kann davon ausgehen, dass sie nicht lesen, sondern “haben-haben-haben!” wollen.
Wer auf sich hält, verzichtet. Die Anderen verdienen nichts Besseres.
Und der Kommentar spricht mir aus dem Herzen!!! Danke, Bernd!