Carla Berling

Aber Sie werden doch berühmt!


Stellen Sie sich das mal vor:
Ich hätte meinen Friseur gefragt, wie viel er zahlt, wenn ich mir bei ihm die Haare schneiden lasse. “Hast du ne Meise?”, hätte er wohl gesagt.
Dann würde ich beim Bäcker fragen, wie viel ich dafür bekomme, wenn ich ein Graubrot nehme. “Hast du was getrunken?”, würde er sicher fragen.
Ich möchte unseren Vermieter anrufen und fragen, ob ich nächsten Monat umsonst wohnen darf, aber mein Mann sagt, das sei absurd und ich solle das lassen.
Absurd? Ich werde auch immer wieder gefragt, ob ich umsonst arbeite und auf eigene Kosten anreise, das findet offenbar niemand absurd. Zum Beispiel diese Anfrage aus einer ca 600 Kilometer entfernten Stadt.
“Wir stellen uns eine etwa einstündige Lesung vor, mit anschließender Diskussion”, sagt der nette Veranstalter. Abends, ab 20:00 Uhr solle alles stattfinden, danach könne ich meine Bücher verkaufen, sodass ich auch was verdiene.
Nein, Spesen könne man nicht zahlen. Nein, ein Honorar auch nicht. Aber ich würde schließlich berühmt, wenn die Leute mich bei den Lesungen kennenlernen.
Achso!!! Berühmt.
Die Fahrt von Köln zu diesem Ort würde 7 Stunden und 21 Minuten dauern. Um rechtzeitig dort zu sein und Zugverspätungen beim dreimaligen Umsteigen einzuplanen, müsste ich um zehn Uhr morgens los. Mein Bücher-Koffer ist schwer. Nach der Reise müsste ich mich irgendwo auf’m Klo frischmachen, ich müsste irgendwas auf die Hand essen, dann würde ich auftreten.
Die Lesung finge, wie fast immer, ein bisschen später an, gegen halb neun, um halb zehn wäre ich fertig, wie geplant, mit allem drum und dran wäre es dann doch 23:00 Uhr.
Nehmen wir an, ich hätte nun 30 Bücher verkauft. Die hätte ich zuvor beim Verlag eingekauft. Nehmen wir an, ich würde an jedem Buch 4 Euro “Gewinn” machen. Dann wären das an diesem Abend 120 Euro. Davon gingen Steuern, Krankenversicherung, Telefon- und Internetkosten, Miete, Strom und Heizung fürs Arbeitszimmer und Kosten für Arbeitsmaterialien runter. Blieben netto ca 50 Euro.
Der Bahnhof im Ort ist ab 23:00 Uhr geschlossen. Es fährt kein Zug mehr. Ich müsste also übernachten. Der billigste Gasthof im Ort kostet 50 Euro die Nacht. Für die Fahrkarte hätte ich 199 Euro bezahlt. Ich hätte 250 Euro Kosten und ca 50 Euro eingenommen. Wenn ich am nächsten Tag gegen 17:00 wieder zuhause ankäme, wäre ich 31 Stunden unterwegs gewesen.
Und dafür hätte ich 200 Euro bezahlt. Absurd, oder?
Sag ich ja.
Wenn ich meinem Finanzamt, dem Bäcker, dem Vermieter und dem Friseur erzähle: “Wie? Ich soll für eure Arbeit was bezahlen? Ich bin doch berühmt?”, dann lachen die sich kaputt.
Zu Recht.
Ehrlich: Wenn ich genauso viele Anfragen für seriöse Lesungen bekäme wie für “kostenlose” – dann könnte ich mir “umsonst arbeiten” endlich leisten.