Dein letzter Irrtum

„Ich werde bald sechzig. Sechzig – ich!“, hast du gesagt. Du, der verrückte DJ mit den blauen Augen und den bunten Träumen, mit dem lauten Lachen, der großen Klappe und der sensiblen Seele, mein Lebenslotse in dreißig gemeinsamen Jahren, sechzig?
Wir hätten ab kurz vor zwölf rückwärts gezählt und um Mitternacht laut gejubelt. Wir hätten dich hochleben lassen und dich beschenkt, wir hätten getrunken und uns erinnert und wir hätten die ganze Nacht zu den alten Liedern getanzt. Wir hätten mit unseren Söhnen, deiner Frau und meinem Mann gefeiert bis zum Morgen. Vielleicht.
Aber vielleicht hättest du stattdessen auf Sylt am Strand gesessen und aufs Meer geschaut und deine Träume weitergeträumt. Vielleicht wärst du in New York gewesen und ich hätte um Mitternacht dein Lachen am Telefon gehört. Vielleicht hättest du Angst gehabt vor den Jahren danach, vor dem alt sein, krank werden, traumlos sein. Du hättest die Angst mit lauten Sätzen überspielt und wieder so getan, als sei dir das ganz egal.
Dein Blick ist da. Dein Lachen klingt so nah wie dein Weinen. Ich kann deine Stimme hören und deine Worte fühlen. Ich trage die Kette. Du hast sie mir zum Dreißigsten geschenkt. Ein Symbol für ewiges Leben.
Das möchte ich glauben.
Heute wärst du sechzig geworden. Sechzig. Du hast dich geirrt. Du wurdest es nicht.
172 Tage vorher bist du gestorben.