Köln, Minden, Wuppertal, Bottrop, Duisburg – ich bin wieder unterwegs!

Der Leser

 

 

 

 

Termine
KÖLN
Freitag, 2. März 2012
Lesung “Multiple Sarkasmen” in der Reihe “Wilde Weiber” in der Mayerschen
19:30 Uhr bis ca. 21:00 Uhr
Mayersche Buchhandlung
Eintritt frei – Reservierungen sind jedoch sinnvoll!
Neusser Str. 226
50733 Köln Nippes
Tel.: 0221 / 669 948 -12
info-koeln-nippes@mayersche.de
Frau Ternes oder Frau Claas

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H. P. Röntgen: Wer Bücher schreiben will, sollte das Buch lesen.


Hans-Peter Röntgen über „Vom Kämpfen und vom Schreiben“ – Auszug:
… Doch bald muss sie erkennen, dass es auch nicht einfacher ist, Bestseller zu schreiben, als einen Bundesligavertrag zu erhalten. Dass Bücher schreiben gelernt werden will, wie alles andere auch und dass es Hundertausende Möchtegern-Autoren gibt, die sich um die wenigen Verlagsplätze prügeln.
Doch die Autorin gibt nicht auf. Und über die Höhen und Tiefen, die sie erlebt, schreibt sie. Wer Bücher schreiben will, sollte das Buch lesen. Weil es sagt, wie der Buchmarkt wirklich aussieht, welchen Schweiß, wieviele Tränen und wieviel Herzblut es kostet und wieviele Jahre, bis endlich der erhoffte erste Verlagsvertrag auf dem Tisch liegt. Und wieviel Talent es erfordert: Das Talent, nicht aufzugeben, sich immer aufs neue in Texten zu verbeissen.

Jeder, der schreibt, jedenfalls dann, wenn er ernsthaft schreiben will, kennt das: Die Selbstzweifel, warum tust du dir das an, deine Texte will doch niemand lesen, dann der Rausch, wenn es plötzlich doch einen Erfolg gibt, auch wenn der Erfolg zwar groß ist, das Geld dafür aber klein.
Und Berling schreibt es schonungslos offen, ohne Selbstmitleid; eine Odysse des Autors durch die Welt der Worte und der Verlage; niemand kann verstehen, dass eine Autorin, die in der Zeitung steht, nicht die Miete von ihren Erfolgen bezahlten kann. Von Verlagen, die Zusagen nicht einhalten, von Mitautoren, die sich neidisch beäugen, von lokalen Schriftstellervereinigungen, die sich selbst bauchpinseln, in obskuren Verlagen mit Mini-Auflagen veröffentlichen und dafür noch eine Mindestabnahme von Büchern unterschreiben müssen; die sich selbst aber als „Literaten“ feiern und voll Verachtung auf die hinaufschielen, die eben „Schund“ schreiben, den aber jeder lesen will.
Auch wenn ich (Gott sei Dank) die wirtschaftliche Not nicht kenne, die die Autorin immer wieder erlebt: All das andere habe ich auch erlebt, dass ich aufgeben wollte, niemals wieder eine Tastatur anrühren, was für einen Stuß hast du wieder verfasst und Gott, du machst dich doch lächerlich, wenn du das an einen Verlag schickst.
Die Autorin lässt dieses eigentlich trockene Thema lebendig werden, indem sie einfach aus ihrem Leben erzählt, keine Hemmung hat, auch ihre Niederlagen zu beschreiben, weswegen der Leser ihr die Erfolge um so mehr gönnt. So habe ich das Buch verschlungen wie einen Thriller von Stieg Larsson und kann es nur jedem empfehlen, der von der Karriere des erfolgreichen Autors träumt.
Dabei hätte ich das Buch beinahe nicht bestellt. Weil der Verlag statt einer aussagekräftigen Leseprobe einen Text auf seine Seiten stellte, der gerade mal acht(!) Sätze enthält, die außerdem vom Klappentext stammen. Dabei sind Leseproben die wichtigsten Werbemittel für Bücher im Internet. Nicht sehr professionell, dachte ich und dann habe ich es doch gelesen, wegen der positiven Rezensionen. Aber der Verlag sollte sich wirklich etwas professioneller aufstellen. Wer würde in der Buchhandlung Bücher verkaufen, der den Kunden nur die ersten acht Sätze zu lesen erlauben würde?
Doch das ist das Einzige, was ich zu meckern habe. Lassen Sie sich also nicht durch den Auftritt des Verlags abschrecken: Das Buch lohnt sich zu lesen.

Link zum Original Artikel:
Das Buch bei Amazon:

Dein letzter Irrtum

„Ich werde bald sechzig. Sechzig – ich!“, hast du gesagt. Du, der verrückte DJ mit den blauen Augen und den bunten Träumen, mit dem lauten Lachen, der großen Klappe und der sensiblen Seele, mein Lebenslotse in dreißig gemeinsamen Jahren, sechzig?
Wir hätten ab kurz vor zwölf rückwärts gezählt und um Mitternacht laut gejubelt. Wir hätten dich hochleben lassen und dich beschenkt, wir hätten getrunken und uns erinnert und wir hätten die ganze Nacht zu den alten Liedern getanzt. Wir hätten mit unseren Söhnen, deiner Frau und meinem Mann gefeiert bis zum Morgen. Vielleicht.
Aber vielleicht hättest du stattdessen auf Sylt am Strand gesessen und aufs Meer geschaut und deine Träume weitergeträumt. Vielleicht wärst du in New York gewesen und ich hätte um Mitternacht dein Lachen am Telefon gehört. Vielleicht hättest du Angst gehabt vor den Jahren danach, vor dem alt sein, krank werden, traumlos sein. Du hättest die Angst mit lauten Sätzen überspielt und wieder so getan, als sei dir das ganz egal.
Dein Blick ist da. Dein Lachen klingt so nah wie dein Weinen. Ich kann deine Stimme hören und deine Worte fühlen. Ich trage die Kette. Du hast sie mir zum Dreißigsten geschenkt. Ein Symbol für ewiges Leben.
Das möchte ich glauben.
Heute wärst du sechzig geworden. Sechzig. Du hast dich geirrt. Du wurdest es nicht.
172 Tage vorher bist du gestorben.

So wie in Schwaben möcht ich’s immer wieder!


Ankunft in Freudenstadt nach fünf Stunden Anreise aus Köln: Gudrun Krüpers von der Arkadenbuchhandlung holt mich ab, und sofort „schwätzen“ wir wie alte Freundinnen. Vor dem Hotel setzt sie mich ab, es ist nach fünf, eine Stunde Zeit zum Frischmachen, ich muss mich umziehen für die Lesung in Pfalzgrafenweiler am Abend. 180 Gäste sind angemeldet, ich hab Lampenfieber und freue mich zugleich.
Die Tür zum Hotel ist verschlossen. Freitags Ruhetag.
Es ist kalt und es nieselt. „Halt! Warte!“ Wild gestikulierend halte ich Gudrun auf, die eben vom Parkplatz fahren will.
Sie ruft die Nummer an, die an der Glastür klebt, niemand meldet sich. Ein Frau kommt über den Platz gelaufen. Was sie sagt, klingt für ostwestfälische Ohren komisch: „Isch goina do? D Omma müscht obba do soi!“ Wie bitte? Gudrun versteht die Sprache: Die nette Frau meint, es müsse jemand im Hotel sein, und das ginge ja nicht, dass keiner da sei, wenn ein Gast komme. Nebenan im Friseursalon sollen wir fragen, die wüssten Bescheid. Wissen sie aber nicht.
Dann fährt ein Auto vor, der Hotelier ist da, schließt auf, gibt mir einen Schlüssel und zeigt mir den Nebeneingang, den ich nachts benutzen soll. Dann stellt er mich in den Fahrstuhl und schickt mich nach oben. In den verwinkelten Gängen riecht es muffig. Es ist alles sauber, es ist alles uralt. Früher muss das ein respektables Haus gewesen sein, jetzt bin ich der einzige Gast. Im Zimmer reiße ich die Fenster weit auf und schaue hinaus auf eine leere Straße. Ein Hahn kräht irgendwo, immer wieder. Der Fernseher funktioniert nicht.
Im Zimmer, im Haus, im Ort – Stille. Der Teppichboden hat Spuren ungezählter Gäste. Ich ziehe meine Schuhe erst vor der Dusche aus.

Das Anwesen der Martini Werbeagentur ist beeindruckend. Karin Martini, sie hat mich engagiert, umarmt mich zur Begrüßung und sagt etwas, das super herzlich klingt. Ich verstehe kein Wort! Schwäbisch ist schwierig!
Ein Zelt haben sie aufgebaut, die geplante Gartenparty ist „wegen Wetter“ nicht möglich. Helfer, Location, Dekoration, Büffet, Getränke und Programm – alles ist perfekt! Vor allem aber beeindrucken mich die Menschen: Der einzige „Schwabe“, den ich bisher kannte, war der Kommissar aus dem Tatort. Und weil der erste Eindruck ein bleibender ist, schließe ich die „Schwaben“ als freundliche, offene Menschen ins Herz.
Gegen halb neun soll ich dran sein. Mein Lampenfieber wird heftiger, meine Hände sind feucht, die Füße kalt. Ob die Schwaben meine Satiren mögen? Treffe ich ihren Humor? Kann ich sie unterhalten? Bringe ich sie zum Lachen? Haben sie einen schönen Abend?
Ein Mann von der Presse ist da, macht Fotos, schwätzt mit den Veranstalterinnen, mit dem Zauberer Alexander Farrelli, der später eine tolle Show hinlegen wird, mit mir.
Gleich gehts los.
Das große Zelt ist voll, bis auf den letzten Platz besetzt, manche stehen sogar im Eingang. Ich schaue in gespannte Gesichter, jetzt ist das Lampenfieber weg, jetzt freu ich mich nur noch.
Solche Lesungen möchte ich jede Woche haben!
Das Publikum ist super, ich fühl mich wohl auf der Bühne, wir lachen zusammen, es gibt viel Beifall, auch mittendrin, es ist wunderbar.
Später sind alle Bücher restlos verkauft und ich fange mit einer Lieblingsbeschäftigung an: Widmungen schreiben.
Wenn die Zuschauer Schlange stehen, um ihre Bücher signieren zu lassen, dann ist das ein Moment, der mich für viele einsame Schreibstunden belohnt: Wenn ich mit ihnen sprechen kann, in die Augen sehe, die Freude höre, Komplimente bekomme – was will ich mehr?
Gudrun Krüpers nimmt eine lange Liste mit Vorbestellungen entgegen, ich lerne viele Menschen kennen – und am Abend, im Hotel, bin ich glücklich und müde und dankbar, dass ich einen so wunderbaren Beruf habe.
Danke, Schwaben, das war Spitze!

Die Wucht der Trauer hab ich unterschätzt.


Eine Woche ist es her seit der Verabschiedung, eine Woche erst. So viele Gefühle hab ich seither gefühlt: Verzweiflung, Entsetzen, Panik, Angst, Unglauben, Unverständnis, Wut sogar.
Entsetzen darüber, dass die schlimmste Befürchtung wahr wurde. Panik, weil die Wucht der Emotionen mich zittern und schreien ließ und weil man in dem Moment einer solchen Hiobsbotschaft die Kontrolle verliert. Angst, dass meine Söhne nur mit mir, ohne ihren Papa, nicht zurecht kommen. Dass ich es nicht schaffen werde, die Lücke zu füllen, die in ihrem Leben entstanden ist. Die Angst ist berechtigt, denn ich kann sie nicht füllen. Ich will es auch nicht. Unglauben darüber, dass es wirklich wahr ist, er ist gestorben, weg, tot. Nie mehr.
Wut, weil er sich so schnell verabschiedet hat. Das kann man doch nicht machen!
Man kann. Ein Leben ist zu Ende, hier jedenfalls. Wer weiß, was danach kommt. Wie gerne wäre ich jetzt gläubig.
Ich versuche, meinen Alltag wieder zu finden. Jetzt wird mir erst klar, wie wichtig so ein Alltag ist! Wie beruhigend normale Handgriffe sein können, wie den Hund zu bürsten, das Waschbecken zu putzen oder Blumen zu gießen. In den letzten Monaten war der Alltag überschattet von der Angst, dass es nicht gutgehen könnte, von seiner und meiner Angst. Hundert Telefonate, Besuche am Krankenbett, Hilfe, wo ich helfen konnte.
Er war nicht mehr mein Ehemann, schon lange nicht mehr. Aber er war der Vater meiner Söhne und wir sind Freunde geblieben. Dreißig Jahre gehörte er täglich zu meinem Leben.
Am Ende ist es immer zu wenig und das Ende ist immer zu früh.

Ich bin sehr traurig.

Wir haben Hardy beerdigt. Er ist der Vater meiner Söhne und war 21 Jahre mein Ehemann und später mein guter Freund. Er wurde 59 Jahre alt und starb am Sonntag, den 26. Juni 2011, nach kurzer, schwerer Krankheit.
Wir haben in der Familie abgesprochen, es auf diesem Weg statt durch Karten und Zeitungsanzeige zu veröffentlichen.
Hardy wurde im engsten Familien- und Freundeskreis verabschiedet.
Niemals werden wir ihn vergessen.