Rehmer Markt – als Kirmes noch ein Abenteuer war

1974 September
Auszug aus „Jesses Maria – Hochzeitstag“ – Link zu Amazon
(c) Carla Berling

Das war beim Rehmer Markt, einer Kirmes, die es seit über vierhundert Jahren gibt.
Ich war dreizehn und hatte eine Freundin, die Belinda hieß. Sie hatte blondes Haar. Schulterlang, glatt und seidig, und sie trug einen modernen Mittelscheitel, auf den ich sehr neidisch war. Mir hatte meine Mutter diese Frisur verboten, weil sie fand, dass ein Poposcheitel unanständig aussah. Ich trug also noch braven Pottschnitt zum Anorak, während Belinda schon mit Mähne zum todschicken US-Parka auffiel. Wochenlang hatten wir unser Taschengeld für den Rehmer Markt gespart, außerdem hatte ich mehrfach sonntags den Moment abgepasst, wenn unser Vatti mit diesem leicht schielenden Blick vom Frühschoppen kam. Wenn ich ihn dann in den Arm nahm und ein bisschen quengelte, staubte ich fast immer fünf Mark ab. Und wenn ich dasselbe abends noch mal versuchte, konnte er sich an mittags nicht mehr erinnern und ich bekam noch mal eine oder zwei Mark. Omas, Opas, Onkel und Tanten steckten mir zum Rehmer Markt auch immer Münzen zu, sodass ich manchmal mehr als zwanzig Mäuse in der Tasche hatte.
Belinda klaute ihren Eltern vorher wochenlang Zigaretten, zog immer nur eine aus der Packung und versteckte sie in ihrem Turnbeutel. Bevor wir zur Kirmes gingen, besorgten wir uns zwei leere Zigarettenschachteln aus dem Mülleimer neben der Bushaltestelle und füllten sie mit den gehorteten „Zichten“. Wir hatten ausgiebig geübt, zu paffen ohne zu husten und zu kotzen. Der Gedenkstein an der Werremündung könnte erzählen, welche Tortur es war, bis wir endlich auf Lunge rauchen konnten.
Voller Aufregung und vor guter Laune albern kichernd trafen Belinda und ich uns am letzten Mittwoch im August am Kriegerdenkmal, um uns dort heimlich zu schminken. Ich besaß – natürlich ohne Wissen meiner Mutter – Spucktusche: Eine feste schwarze Masse, die ich mit Spucke befeuchtete und mit einer Plastikbürste auf die Wimpern strich. Erst spuckte ich, dann spuckte Belinda.
Sie hatte Lederbänder für uns beide mitgebracht. Die langen dünnen Schnüre gab es im Müllcontainer der Lederwarenfabrik „Schuchard und Friese“ am Alten Rehmer Weg. Wir ersetzten also meinen artigen Seitenscheitel im Pottschnitt und die braune Klemme am Haaransatz durch einen schnurgeraden Mittelscheitel und banden uns die Lederbänder nach Indianermanier um die Stirn. Ich trug eine durchfallfarbene Cordhose mit einem Meter Schlag und einen orangegrün gemusterten Pullunder über einem ausrangierten Nyltesthemd meines Vaters. Alle erwachsenen Männer, die ich kannte, trugen diese weißen Hemden mit der eingestickten schwarzen Rose. Aber nur sonntags.
Das Hemd knotete ich in der Taille, ließ dabei ein gutes Stück nackten Bauch sehen, und ich öffnete die obersten Knöpfe. Ich war heimlich ohne das vorgeschriebene Unterhemd aus dem Haus gegangen. So aufgebrezelt fühlte ich mich todschick und verführerisch und unendlich erwachsen.
Beim Schminken konnten wir schon die Musik von „Steuer‘s Raupe“ hören und ich bekam vor lauter Abenteuerlust und Vorfreude Bauchkribbeln.
Sobald wir am Dorfkrug ankamen, waren wir mitten im Geschehen. Es gab nichts, was es nicht gab: eingelegte Gurken, Heizkissen und Blumenzwiebeln, selbst gemachte Marmeladen und Eingemachtes von den Frauen des Gartenbauvereins, Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, Bratwurst vom Holzkohlengrill, Zuckerwatte, mit rotem Zuckerguss glasierte Äpfel und natürlich Bier und Schluck, wie der Westfale Pils und Korn nennt. Es roch nach Popcorn, gebrannten Mandeln, Sägespänen und Pferdemist. Im Garten des Dorfkruges war eine Manege aufgebaut, in der Kinder auf Ponys reiten konnten.
Vom Kettenkarussell und „Steuer’s Raupe“ dröhnte laute Musik, Stimmengewirr und Lachen erfüllten den Platz, es war herrlich! Die Raupe war unser Ziel. Sie war als Treffpunkt der Jugendlichen eine Art Freiluft-Diskothek. Auf den blau lackierten Holzdielen rund um die sich drehenden Waggons waren die begehrtesten Stehplätze, Belinda und ich positionierten uns lässig am Geländer. Wir machten laszive Tanzbewegungen zu „Jenny, Jenny, Dreams are ten a Penny“, sangen „Mama Loo“ mit, und wir liebten den Song „Power to all our Friends“ von Cliff Richard. Die Raupe war mit bunten Blumen im Pril-Design bemalt und hatte ein grünes Verdeck, das sich am Ende jeder Fahrt nach einem lauten Hupton stockend über die Insassen wölbte.
In einer Kabine neben dem Kassenhäuschen saß ein langhaariger Discjockey, den alle Mädchen anhimmelten. Er nannte sich Johnny. Ich hatte ihn schon beim Schützenfest und im letzten Jahr auf der Herbstkirmes auf dem Platz neben dem Autohaus „Ford Meyer“ gesehen. Aber da war ich ja erst zwölf gewesen und sah auch so aus. Nie im Leben hätte er sehen dürfen, dass ich ihn anguckte und nie im Leben hätte ich den Mut gehabt, mir ein Lied zu wünschen.
Dieses Jahr war ich ja fast erwachsen.
Johnny legte beim Rehmer Markt wieder die allerneuesten Scheiben auf und ich wurde leider immer noch rot, wenn er einen seiner Sprüche an mich richtete.
„Die kleine Brünette in Wagen fünf, hallo schaut alle her, was hat dich Mutti heute wieder fein gemacht!”
Alle guckten mich an, als er das sagte. Ich fand Johnny total süß.
Hannes Schneider, er war später mit Mannis Schützenkönigin Heike der Ersten verheiratet, lud Belinda zu einer Raupen-Fahrt ein. Er trug eine gelbe Öljacke, auf deren Rücken er mit Kugelschreiber ein riesiges Peace-Zeichen gemalt hatte. Und den Trick, sich im Waggon innen neben das Mädchen zu setzen, damit er bei voller Fahrt „ungewollt“ auf deren Schoß rutschen konnte, den kannte Hannes auch.
Ich sah Belinda und ihm zu, wie sie die halbe Fahrt Händchen haltend im Stehen fuhren und dann kichernd in die roten Polster sanken. Natürlich knutschten sie unter dem Verdeck, ich sah es Belinda doch an, als sie ausstiegen.
Jetzt war ich an der Reihe. Vorher hatte ich mir bei Johnny „Hello A” von Mouth und McNeal gewünscht – hach, ich könnte dieses Lied heute noch mitsingen! In dem Moment, als ich vor Johnny stand, mit zitternden Knien und zitternder Stimme, denn er war total süß, hab ich mich endgültig in ihn verliebt. Er hatte mir nämlich zugezwinkert.
Breitbeinig stellte ich mich nun also im Wagen fünf der Raupe in Positur, die linke Hand steckte in der Gesäßtasche meiner Schlaghose, der Anorak war geöffnet und ließ den Blick auf mein bauchfreies Outfit zu, in meiner rechten Hand qualmte eine Zigarette. Ich machte ein Pokerface, guckte ganz cool, denn natürlich wollte ich mir die Anstrengung der freihändigen Fahrt und meine spontane Verliebtheit nicht anmerken lassen.
Johnny spielte jetzt „Block Buster“ von Sweet. Das Karussell setzte sich langsam in Bewegung.
Die Mitarbeiter von „Steuer’s Raupe“ waren beinahe Artisten, sie sprangen, während sich das Karussell am schnellsten drehte, auf die Trittbretter der Wagen und schäkerten mit den jungen Mädchen. Auf mein Trittbrett sprang jetzt einer, den sie Pickie nannten, er war bestimmt schon achtzehn und hatte schulterlange blonde Locken. Pickie hatte eine Zigarette im Mundwinkel und eine fast leere Flasche Bier in der Hand. Plötzlich schien er jemandem auf dem Festplatz zu entdecken, drückte mir die Flasche in die Hand und sagte “Halt mal!”
Ich stand also in der Raupe, geschminkt wie ein Zirkuspferd, aufgetakelt wie ein Popstar aus der ZDF-Hitparade, hielt lächelnd Bier und Kippe fest und beobachtete aus dem Augenwinkel, ob Johnny auch guckte und sah, wie cool ich war, als die Katastrophe passierte: Meine Mutter stand an der Treppe.
Als die Raupe wie in Zeitlupe auf sie zufuhr, sah sie mir direkt in die Augen.
Mir wurde heiß und kalt vor Schreck, ich ließ Flasche und Zigarette einfach ins Dunkel unter dem fahrenden Karussell fallen, aber es war zu spät. Ich weiß nicht, seit wann sie da gestanden hatte. Es gab keinen Fluchtweg. Die Fahrt wurde schneller, Mouth und McNeal sangen mein Wunschlied „Hello A, hello A, can‘t you see…“ und Johnny sagte, dass er diesen Song extra für das süße Girl in Wagen fünf spielte. Ich wünschte mir, mich wegzwinkern zu können, wie die „Bezaubernde Jeannie“ es konnte.
Das Hupsignal ertönte, das Verdeck der Raupe schloss sich, die Fahrt wurde langsamer, mein Herz raste immer schneller, ich suchte in den wenigen Sekunden, die mir blieben, bis ich das Karussell verließ und meine Mutter erreichte, fieberhaft nach Erklärungen für mein Benehmen und mein Aussehen. Und fand keine.
Dann schlenderte ich betont lässig auf sie zu, legte alle Unschuld in meinen Blick, öffnete den Mund, um ein verlegenes „Hi!” zu stammeln und bekam unvermittelt eine knallende Backpfeife. Meine Mutter schob mich resolut vom Platz, alle haben es gesehen und es war mir schrecklich peinlich und ich schämte mich in Grund und Boden.
Als ich mich umdrehte, sah ich Hannes und Belinda mitleidig mir gucken. Der Rehmer Markt hatte sich in diesem Jahr für mich erledigt.
Zwei Wochen Hausarrest gab es – und ich durfte kein „Bonanza“ gucken. Das war brutal. Noch brutaler war, dass ich während meines Hausarrestes auch nicht zum Neustädter Schützenfest durfte. Dort würde „Steuers Raupe“ stehen und dort würde Johnny sein und wenn ich nicht hinging, würde er mich bis zur Frühjahrskirmes längst vergessen haben.
Ich warf mich im Kinderzimmer auf mein Bett und heulte heiße Tränen. Später suchte ich die Single „Hey Tonight“ von Creedence Clearwater Revival aus meiner Plattenkiste. Die B-Seite wollte ich hören. „Have you ever seen the rain“, das war jetzt genau die Musik, die zu meiner Stimmung passte. Als ich die vier Musiker auf dem Cover ansah, stockte mir der Atem: Nie zuvor war mir aufgefallen, dass Tom Fogerty genauso aussah wie Johnny. Das war ja wunderbar. Ich schlief nun mit der Plattenhülle unter dem Kissen ein, träumte von Musik, Kirmes und Johnnys blauen Augen und hörte so oft „Have you ever seen the rain“, bis ich wieder lächeln konnte.